Kulturtechniken

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    Lesen und Schreiben im digitalen Zeitalter

Kulturtechniken und ihre Medialisierung

Computer und Internet verändern sämtliche Lebensbereiche. Lesen und Schreiben sind als kommunikative Kulturtechniken diesem Wandel ebenfalls unterworfen. Wie verändern sich kommunikative Kulturtechniken durch digitale Medien? Wie schlagen sich diese Veränderungen in gesellschaftlicher Perspektive nieder? Und wie wirken diese Transformationen auf die Entwicklung neuer Darstellungsformen zurück? Vier Jahre lang hat der LOEWE-Schwerpunkt „Kulturtechniken und ihre Medialisierung“ am Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität diesen Wandel untersucht und dabei theoretische Fragestellungen nach den Auswirkungen des Wandels mit Anwendungs- und Praxisbezug verknüpft.


Der Medienwandel zeigt Wirkung

E-Mail, Social Media Networks, Internet, Smart Phones, PCs – innerhalb weniger Jahrzehnte haben diese Angebote und Dienste großen Einfluss auf unser Leben gewonnen. Vordergründig kommt dabei die permanente Erreichbarkeit in den Sinn. Oder die Verlagerung von Freundschaften in die digitale Welt. Oder die Möglichkeit, an jedem Ort zu jeder Zeit seiner Arbeit nachzugehen. Die neuen Medien wirken jedoch noch grundlegender. Sie beeinflussen die kommunikativen Kulturtechniken des Lesens und Schreibens, des Erzählens, Recherchierens und Archivierens.


Beispiel: Lesen am Bildschirm leicht gemacht?

Viele Menschen empfinden das Lesen längerer Texte am Bildschirm als mühevoller und ermüdender als das Lesen auf gedrucktem Papier. Im LOEWE-Schwerpunkt wurde untersucht, wie sich Leseprozesse in verschiedenen Medien unterscheiden: Die Wissenschaftler haben Blickbewegungen beim Lesen unterschiedlicher Texte erfasst, die Lesegeschwindigkeit für diese Texte gemessen und anschließend durch standardisierte Fragen zum Textinhalt ermittelt, wie gut die Inhalte verstanden wurden.

Es gelang, die Frage zu beantworten, welche Voraussetzungen moderne Lesegeräte, z.B. für E-Books, erfüllen müssen, um das Lesen mit ihnen komfortabler zu machen. Elektronisches Papier ist schwerer zu lesen, weil der Kontrast im Vergleich zu konventionellen Bildschirmtexten niedriger ist. Um den Lesekomfort zu verbessern, müsste demnach der Kontrast von elektronischem Papier erhöht werden.


Beispiel: Schreiben mit SKOLA – Online wissenschaftliches Schreiben lernen

Jedes Hochschulstudium verlangt das Schreiben wissenschaftlicher Texte. Was aber macht wissenschaftliches Schreiben aus? Unter anderem sind es bestimmte Textroutinen: typische sprachliche „Bausteine“, meist feste Ausdrücke, die die Funktion einer Textpassage innerhalb des Gesamten anzeigen. Diese Textroutinen müssen erlernt werden – gelehrt werden sie jedoch kaum.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des LOEWE-Schwerpunkts „Kulturtechniken und ihre Medialisierung“ haben mit „SKOLA“ eine digitale Lernumgebung geschaffen, die Studierende beim Erwerb von Textroutinen unterstützt und zugleich die Erforschung von Routinen in der Textproduktion ermöglicht. Im Mittelpunkt steht die kontroverse Form des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns, daher der Name SKOLA – Schreibkontroversenlabor. Aus unterschiedlichen Quellen zu einem kontroversen Thema musste unter einer neuen Fragestellung ein eigener Text in Form eines „Kontroversenreferats“ verfasst werden. SKOLA hilft den Schreibenden dabei, wesentliche Positionen auszuwählen, das ausgewählte Material zu restrukturieren und in die eigene Darstellung zu integrieren.

Die Webanwendung wird bereits in der Lehre am Institut für Germanistik der Universität Gießen eingesetzt. Zudem findet SKOLA als Forschungsinstrument bei empirischen Studien zum Schreiben in Kontroversen Verwendung.


Beispiel: Neue Darstellungsformen - Geschichtsschreibung audiovisuell

Lässt sich ein Buch – in diesem Fall die „Chronik des Ghettos von Lodz / Litzmannstadt“ – in das Medium Internet übertragen, so dass für den Leser ein „Mehrwert“ entsteht?

Mit dem Portal www.ghetto-chronik.de ist dies gelungen. Der LOEWE-Schwerpunkt hat einen virtuellen Erinnerungsort geschaffen, der das letzte Jahr des Ghettos von Lodz/Litzmannstadt abbildet. Im Zentrum stehen die täglichen Einträge der Chronik: Sie können nachgelesen und als Podcast angehört werden. Historische Aufnahmen vermitteln als visuelle Zeugnisse ein Bild des Ghettos, dessen Chronik zudem historisch eingeordnet wird.

In Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv und der Universität Lodz entstanden, steht die Ghetto-Chronik als Buch und als Online-Portal in deutscher und in polnischer Sprache zur Verfügung.


Wie es nach der LOEWE-Förderung weitergeht

… wissenschaftliche Begleitung des Projekts Zeitung und Ausbildung in Hessen – news to use (2012/2013): Das unter der Schirmherrschaft des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier stehende Projekt hat erforscht, ob und wie regelmäßige Zeitungslektüre junge Menschen in der beruflichen Ausbildung bildet. Rund 2.000 Auszubildende wurden von annähernd 40 Tageszeitungen beliefert. Die wissenschaftliche Begleitung konnte zeigen, dass durch das Zeitunglesen und das Bearbeiten von lektürebegleitenden Aufgaben die Sprachkompetenzen der Auszubildenden ausgebaut werden können.

… GeoBib – Ein digitaler Atlas der frühen Holocaustliteratur: Von der frühen deutsch- bzw. polnischsprachigen Holocaust- und Lagerliteratur (1933-1949) wird eine „annotierte und georeferenzierte Online-Bibliographie zur Erforschung von Erinnerungsnarrativen“ geschaffen. Die bibliografischen Daten – angereichert um Zusatzinfos zu Personen, Zeiten und Orten – werden in digitaler Form auf einer Internet-Plattform zugänglich gemacht. Es soll ein „virtueller Atlas“ entstehen, auf dem die wichtigsten Gettos und Lager verzeichnet sind. Die Georeferenzierung erlaubt eine Verknüpfung der literarischen Werke mit anderen wichtigen, auf die jeweiligen Orte und Regionen bezogenen Informationen.

… Eristische Literalität. Erwerb und Ausbau wissenschaftlicher Textkompetenz im Deutschen: In dem seit 2012 von der Volkswagen-Stiftung geförderten Projekt wird SKOLA eingesetzt, um den Erwerb und die Möglichkeiten zur Förderung von Textkompetenzen in der Wissenschaftssprache Deutsch zu untersuchen. Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht der Erwerb kontroversen-orientierter Formen der Textproduktion bei Studierenden unterschiedlicher sprachlicher und wissenschaftskultureller Herkunft.