Künstler im Geiste des Uomo rinascimentale

Professor Ariel Auslender

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Herr Professor Auslender – BAMP! – bauen mit Papier heißt das LOEWE geförderte Projekt an dem Sie mit einem fachübergreifenden Team arbeiten. Nun könnte man sagen „Papier als Baumaterial ist kein ganz neues Thema, was also ist das Besondere an Ihrem Ansatz?
1978 lebte ich ein paar Monaten in Israel. Ich war damals 18 Jahre alt und besuchte dort einen Cousin meines Großvaters. Er hieß Sem Rubinowitz und war eine ganz besondere Persönlichkeit, nicht bekannt oder berühmt, dennoch besonders – sehr lieb und etwas „strange“. Sem wurde um 1910 in Polen oder Russland geboren und sein Vater war ein unruhiger Geist, der seine Familie an fast alle Orte dieser Welt brachte: So erlebte Sem in Russland und Polen seine Jugend, studierte in Südafrika und später in Kanada Elektrotechnik, lebte er einige Jahre in Argentinien, bis er endlich nach Israel kam, wo ich ihn als alten Mann kennenlernte.
Bemerkenswert an dieser Geschichte von Auswanderungen und Neuversuchen ist, dass das Haus der Familie immer das gleiche blieb. Das Haus aus Presspappe aus Polen hat die Familie Rubinowitz durch die ganze Welt begleitet. Wie ein Zirkuszelt hatten sie es aufgebaut und abgebaut und überall mit hingetragen.
1978 habe ich in diesem Haus eine Woche verbracht, und auch wenn es bestimmt, keine Luxuswohnung war – im Gegenteil, das Haus erinnerte stark an ein Haus in einer Favela – strahlte es Wärme und Würde aus.
Vielleicht schlummerte in mir die Erinnerung an dieses Erlebnis – nein, sicher war es so, als ich 2012 Samuel Schabel vorschlug, im Rahmen des FIF (Forum interdisziplinäre Forschung), Notunterkünfte aus Papier oder Pappe zu bauen.
In Buenos Aires und in Südamerika allgemein ist das Bauen mit Pappe oder Papier oft die einzige Möglichkeit für Familien aus der Provinz, die in der Hauptstadt ihr Glück versuchen wollen. Sie bauen Behausungen am Rand der Stadt aus allen Materialien, die sie finden können, so eben auch aus Papier und Pappe.

Das außergewöhnliche an den LOEWE geförderten Projekten ist immer auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedenster Fachbereiche, im Fall von BAMP! acht Professoren aus acht verschiedenen Fachbereichen und Ihre Mitarbeiter! Was sind die besonderen Herausforderungen einer solchen Zusammenarbeit und was zeichnet sie aus?
Das ist in der Tat eine spannende Konstellation. Wir sind sehr unterschiedlich und das zeigt sich immer besonders deutlich bei den gemeinsamen Treffen, wenn alle Disziplinen anwesend sind. Ich als gestaltender Künstler arbeite seit Jahren bei den Architekten und habe mir meinen eigenen Reim auf diese spezielle Situation gemacht: So sehe ich diese Form von interdisziplinärer Arbeit als eine Art Rückkehr zum Geist der Renaissance. Damals haben der Künstler, der Ingenieur und der Wissenschaftler irgendwie zusammen und ohne Widerspruch in eine Person gepasst als eine Art Universalgenie. Damals ging das noch aber heute ist die Spezialisierung so weit fortgeschritten, dass der Uomo rinascimentale (Renaissance-Mensch) fast unmöglich ist. Daher hat unsere Epoche den Uomo rinascimentale durch eine Gruppe rinascimentale ersetzt. Das ist für mich die LOEWE-Gruppe. Es scheint mir dabei enorm wichtig, dass die Generation von heranwachsenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Generation der Promovierenden, diesen Geist kennenlernt und davon für ihr weiteres Leben profitiert.

Sie kommen originär aus dem künstlerischen Bereich Plastik und Malerei und haben selbst unterschiedlichste Plätze und Räume gestaltet. Was bedeutet für Sie persönlich ein Ort oder ein Raum in dem Sie sich wohl fühlen?
Es ist ein Ort den man für sich selbst erobert. Erinnerung und Intimität, oder besser die Erinnerungen an Intimität, an Alltag, spielen eine Rolle.
Die Ursprungsidee, damals noch im FIF-Projekt mit meinen Kollegen Samuel Schabel und Markus Biesalsky, waren Pop Up Häuser aus Papier als Notunterkünfte. Also irgendwie schnell und unmittelbar aufbaubar, ohne eine langatmige und komplizierte und „typisch deutsche“ Gebrauchsanweisung. Die Idee Sicherheit und Geborgenheit für Menschen in Not, nach Haiti, nach L‘Aquila und andere Katastrophen- oder auch Kriegsgebiete, zu bringen hat eine zentrale Rolle gespielt.

Besonders ist auch das BAMP!-Logo, gibt es dazu auch eine besondere Geschichte?
Keine große Besonderheit. Wir haben einen Logo gesucht, und weil wir das Thema so sozial und gesellschaftlich brisant fanden, haben wir das BAMP! mit einem Ausrufezeichen versehen.