Verkehr interdisziplinär betrachten

Professor Dr.-Ing. Manfred Boltze

Persönlich Boltze

Herr Professor Boltze, Sie leiten die Sektion Verkehr im Darmstädter LOEWE-Schwerpunkt „Dynamo PLV – Produktion, Logistik und Verkehr“. Warum ist die Inte- gration dieser drei Teilbereiche so wichtig?
Die Probleme im Straßenverkehr sind bekannt: Es geht um Kapazitäten, aber auch um Sicher- heit und Umweltbelastung. Wir haben beobach- tet, dass Unternehmen in ihren Entscheidungen zu Produktion und Logistik sehr häufig das Verkehrsumfeld zu wenig berücksichtigen. Den Straßenverkehrsbehörden wiederum ist oftmals zu wenig bekannt, welche Folgen ihre Entscheidungen für die Logistik haben – etwa wenn sie ganze Straßenzüge oder Innenstadtbereiche aus Gründen des Lärmschutzes oder der Luftreinhaltung für LKW sperren. Wir wollen die Akteure näher zueinander bringen und entwickeln bei Dynamo PLV ein Instrument zur Gesamtoptimierung. Beim „Transportmanagement“ verfolgen wir zum Beispiel die Strategie, verstärkt auch die Nachfrage zu beeinflussen, um Verkehrsspitzen räumlich und zeitlich zu entzerren. Im Personenverkehr wird das als Mobilitätsmanagement längst gemacht, z. B. mit Job- tickets oder Fahrgemeinschaftsvermittlung, und die Ticketpreise werden bei Bahn und Flugzeug durchaus entsprechend der Nachfrage variiert.

Seit 2009 gehören Sie dem Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung an. Welche Aufgaben und Gestaltungsmöglichkeiten sind mit diesem Mandat verbunden
Wir erarbeiten Expertisen und geben Rat – zu Themen, die das Ministerium an uns heranträgt, aber auch auf eigene Initiative. Zurzeit sind wir zum Beispiel mit der Frage befasst, wie der Stadtverkehr zukünftig finanziert werden kann. Auch sind wir um Rat gebeten, wie sich die Steuerung von Groß- projekten optimieren ließe. Mir kommt diese Arbeit sehr entgegen, denn mein Anliegen ist immer, das, was wir in der Wissenschaft voranbringen, auch an die Praxis und damit an die Entscheidungs- träger heranzutragen. Umgekehrt bereichern die Erfahrungen, die ich in der interdisziplinären Zusammenarbeit in diesem Gremium und mit dem Ministerium mache, meine Lehre und Forschung.

Während Ihrer Promotion im Bauingenieurwesen und in den Jahren danach haben Sie in der Verkehrsplanung gearbeitet, unter anderem bei Albert Speer & Partner. Was haben Sie aus dieser Zeit für Ihre heutige Lehr- und Forschungstätigkeit mitgenommen?
Meine privatwirtschaftlichen Erfahrungen, insbesondere in der Projektabwicklung, fließen an vielen Stellen in meine Lehrtätigkeit einschließlich bilden wir die meisten unserer Studierenden für Tätigkeiten in der Wirtschaft aus. Wichtig war für mich aber auch die intensive Zusammenarbeit mit Architekten und Stadtplanern: Auf diese Weise habe ich interdisziplinäres Arbeiten kennen und schätzen gelernt. Dies ist heute in der Wissenschaft sehr oft eine Voraussetzung für Fortschritt – und im Verkehr gilt das sicher besonders.