Weinbau im Klimawandel

Professor Dr. Otmar Löhnertz

Persönlich_Löhnertz

Herr Professor Löhnertz, als Partner im LOEWE-Schwerpunkt FACE2FACE, der Klima-folgenforschung betreibt, befassen Sie sich an der Hochschule Geisenheim mit dem Weinbau. Ist dort der Klimawandel nicht längst angekommen? Wie steht es zum Beispiel um den Rheingau-Riesling?
In der Tat befindet sich auch der Weinbau seit einigen Jahrzehnten spürbar im Wandel. Einiges davon ist sicherlich auf den Klimawandel zurückzuführen. So wissen wir aus Aufzeichnungen seit dem späten 18. Jahrhundert, dass sich die Vegetation im Jahresverlauf inzwischen deutlich nach vorne verschoben hat, insbesondere seit Ende der achtziger Jahre. Zum Beispiel treiben die Pflanzen heute rund zwei Wochen früher aus. Damit steigt regional das Risiko, dass später Frost im Frühjahr das Aus für einen ganzen Jahrgang bedeutet. Auch die Reife tritt oft schon Ende September ein. Die Trauben müssen dann sehr schnell und bei sehr viel höheren Temperaturen geerntet werden als früher, um Verluste durch Pilzbefall zu vermeiden. Gerade dem Riesling setzt das zu, denn er braucht beides – Reife und Ernte – bei kühleren Temperaturen. Der Wandel zeigt sich auch in der Forschung: Wurde früher nach Methoden gesucht, um die Reife zu beschleunigen, fragen wir uns heute, was wir tun können, damit der Reifeprozess verzögert wird.

Was genau untersuchen Sie bei FACE2FACE?
Bei FACE2FACE greifen wir uns einen wesentlichen Aspekt des Klimawandels heraus: Mit unserer „Free Air Carbon Dioxide Enrichment (FACE)“-Anlage simulieren wir den steigenden CO₂-Gehalt der Luft. Was machen die Reben mit dem CO₂? Wie wirkt es sich auf den Pflanzenwuchs aus, wie auf die Güte der Trauben? Gibt es mehr oder weniger Schaderreger? Und wie verändern sich die Böden?

Und was haben die Winzer von Ihrer Forschung?
Wir halten seit jeher engen Kontakt zu den Winzern im Rheingau und zu den Absolventen der Hochschule. Davon haben beide Seiten etwas: Wir bleiben nah an der Praxis und können aktuelle Herausforderungen in unsere Forschung einfließen lassen. Umgekehrt vermitteln wir unser Wissen, zumeist verbunden mit Handlungsvorschlägen, in den Weinbau. Die Erkenntnisse, die wir bei FACE2FACE gewinnen, sollen Antworten auf die Frage geben, wie die Winzer am besten reagieren können. Dazu sehen wir ab Herbst auch Veranstaltungen im Weiterbildungsinstitut der Hochschule vor.

Als Vizepräsident Lehre sind Sie Mitglied der Hochschulleitung. Können Sie überhaupt noch Zeit in den Weinbergen verbringen?
Zum Glück führt mich meine Arbeit hier in Geisenheim immer auch mal wieder in die Weinberge der Hochschule, denn ganz mag ich davon nicht lassen. Schließlich bin ich auf einem Weingut großgeworden und habe zunächst die Ausbildung zum Winzermeister abgeschlossen, bevor ich über Abitur und Studium den Weg in die Forschung und Lehre eingeschlagen habe. Bis vor etwa 15 Jahren hatte ich sogar noch eigene Weinberge, aber das ließ sich mit der wachsenden Verantwortung in der Hochschulleitung irgendwann nicht mehr vereinbaren.