Auf Spurensuche in der Bronzezeit

Professor Dr. Rüdiger Krause

Rüdiger Krause_bearbeitet

Herr Professor Krause, Sie sind – gemeinsam mit Ihrem Kollegen Svend Hansen – Initiator und Sprecher des LOEWE-Schwerpunkts prähistorische Konfliktforschung: Sehen Sie bei Ihrer Forschungsarbeit Verbindung zu aktuellen Themen unserer Zeit?
Die LOEWE-Förderung hat es erstmals ermöglicht, dass Mediävisten und Soziologen gemeinsam mit Archäologen in einer innovativen und für unsere Fächer auch neuen Herangehensweise Konfliktforschung im 2. Jahrtausend v. Chr. untersuchen: Wir als Prähistoriker ziehen unsere Forschungen an den bronzezeitlichen Befestigungen oder Burgen des 2. Jahrtausends auf. Der interdisziplinäre Ansatz erlaubt es uns weiter auszugreifen: von den frühmittelalterlichen Burgen, zu den theoretischen Grundlagen bis in die Neuzeit und unserem aktuellen Konfliktgeschehen. Nur in dieser ganzheitlichen Betrachtung ist es uns möglich, Konflikte und Konfliktgeschehen in ihrem Gesamtkontext für die prähistorischen und insbesondere bronzezeitlichen Perioden verstehen zu lernen. Die im Rahmen von Archäologie und Altertumswissenschaften gegebene Möglichkeit Vorgänge in einer langfristigen Perspektive zu untersuchen und zu analysieren, befähigen uns aber durchaus auch zu Rückschlüssen auf unsere Zeit. Im Sinne einer Konfliktvermeidung können Verhaltensmuster erkannt werden, die Konfliktausgänge abmildern und Eskalation vermeiden.

Zu Ihrer Arbeit gehören neben Lehrveranstaltungen zu einem großen Teil auch Ausgrabungen, z. B. im Ural (Russland), im Montafon (Österreich) und aktuell auch am Sängersberg bei Fulda. Wie finden Sie diese Orte und wie kann man sich als Laie solche Grabungen vorstellen?
Aufgrund unterschiedlicher Wirtschaftsstrukturen und dem Zugang zu wichtigen Ressourcen wie Salz, Kupfer, Zinn, aber auch zu ertragreichen Böden für die landwirtschaftliche Nutzung, gab es bereits in vorchristlicher Zeit Gunsträume und weniger bevorzugte (Siedlungs-)Gebiete. Diesen – archäologisch gesehen – roten Faden verbindet die Forschung zur Herausbildung von hierarchischen Strukturen in der Bronzezeit. Bei der Wahl eines Ausgrabungsprojekts ist die Beantwortung einer konkreten wissenschaftlichen Fragestellung ausschlaggebend. Häufig ergeben sich neue Ideen zu Ausgrabungsorten aber auch durch persönliche Verbindungen und Vernetzung von potenziellen Partnern. Der Ausgrabung selbst geht in den meisten Fällen eine gründliche Prospektionsphase voraus: Dazu gehören die Erstellung eines Geländemodells bzw. eines topografischen Übersichtsplanes, geophysikalische Messungen, zur Sichtbarmachung von Strukturen im Untergrund und deren Interpretation. Aber auch Geländebegehungen, bei denen meist schon erste Funde getätigt werden, die Hinweise zur Datierung einer Anlage geben. Auf der Grundlage dieser Informationen wird ein Grabungsareal ausgewählt und die Schichten in Handarbeit freigelegt. Die dabei aufgedeckten Befunde wie z. B. Verfärbungen von Gruben oder Steinstrukturen, von Fundamenten ehemaliger Holzbauten oder von Befestigungen, werden dokumentiert und zusammen mit den Fundstücken, interpretiert. Mit naturwissenschaftlichen Daten, wie Radiokarbondatierungen zur Altersbestimmung, ergeben sie Mosaiksteine für die Interpretation und Rekonstruktion eines (Gesamt-)Bildes, das wir von einer Siedlung oder einer Befestigung gewinnen.

Was ist für Sie der rote Faden, der sich durch Ihre Grabungsarbeiten zieht und was war bisher das Überraschendste, auf das Sie gestoßen sind?

Am meisten beschäftigen mich in den vergangenen Jahren die mittlerweile berühmt-berüchtigten Funde von 21 Goldblechen und zwei verzierten Bernsteinen aus der großen Befestigung vom Bernstorfer Berg in Oberbayern.
Sie gelten landläufig als Fälschungen, die sie aber nicht sind. Ich kämpfe daher mit meinem Münchner Kollegen Rupert Gebhard gegen die Darstellung von angeblichen Fakten, wie sie von anderer Seite gestreut werden. Ich bin überzeugt, dass es sich bei den Funden um ganz außergewöhnliche Objekte des 14. Jahrhunderts v. Chr. aus dem ostmediterranen Raum handelt, die einen wunderbaren Beleg für die großräumigen Kontakte und Beziehungen dieser Zeit darstellen.

Geboren wurden Sie in Bagdad (Irak) einem Land reich an archäologischen Stätten – es scheint offensichtlich, dass dies nicht ohne Einfluss auf Ihren beruflichen Werdegang geblieben ist. Gab es so eine Art Schlüsselerlebnis an das Sie sich erinnern, das dazu beitrug Archäologe werden zu wollen?
Erinnern kann ich mich an die Zeit in Bagdad leider nicht mehr, da ich nur die ersten 16 Monate meines Lebens dort verbracht habe. Aber die vielen Berichte und wunderbaren Schwarz-Weiß-Fotos meines Vaters zeigen eindeutige Szenen und dokumentieren meine frühen Besuche in Babylon, der Hauptstadt Babyloniens am Euphrat oder in der kassitischen Königsstadt Aqar Quf mit seiner berühmten Zikkurat. Der Wüstensand und die Begegnung mit Beduinen mögen ihr Übriges dazu beigetragen haben…(lacht).