Belgischer Weltenbummler in Frankfurt

Professor Dr. Wim Decock

Persönlich_Decock

Herr Professor Decock, Sie leiten die Nach- wuchsgruppe „Kanonistik, Moraltheologie und Konfliktlösung in der Frühen Neuzeit“ beim LOEWE-Schwerpunkt „Außergericht- liche und gerichtliche Konfliktlösung“. Womit genau beschäftigen Sie sich dort?
Der LOEWE-Schwerpunkt untersucht, wie verschiedene Gesellschaften mit zivilen Konflikten umgehen, welche Normen und Regelungssysteme sie entwickeln. Dazu vergleichen wir unterschiedliche Epochen und Kulturen und schlagen zudem den Bogen zur Gegen- wart. In der Nachwuchsgruppe konzentrieren wir uns auf unterschiedliche Fragestellungen in der Frühen Neuzeit. Mein Gebiet ist dabei die Regulierung von Handel und Finanzen im 16. und 17. Jahrhundert.

Das klingt nach hoher Spezialisierung. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit innerhalb des LOEWE-Schwerpunkts?
Der Austausch ist eine große Bereicherung. Wir arbeiten zum Beispiel gemeinsam an einem Hand- buch zu Konfliktlösungsmodellen von der Antike bis zur Gegenwart. In der Zusammenführung der verschiedenen Spezialgebiete werden strukturelle Parallelen erkennbar: Dass nur ein geringer Teil aller Gerichtsverfahren mit einem Urteil enden, während die übrigen Konflikte doch noch außer- gerichtlich beigelegt werden, ist zum Beispiel keine heutige Besonderheit, sondern lässt sich ebenso für andere Zeiten nachweisen.

Nach Ihrem Studium an der Universität Leuven waren Sie zu Forschungsaufenthalten in Frankfurt, Florenz, Rom, Paris und Boston. Das lässt ein internationales Netzwerk und vielfältige Möglichkeiten vermuten. Warum erneut Frankfurt?
In der Rechtsgeschichte ist Frankfurt weltweit einer der renommiertesten Standorte. Schon deshalb ist mir die Entscheidung sehr leicht gefallen, hier die Leitung der Nachwuchsgruppe zu übernehmen. Hinzu kommt die vollkommen neue Herangehensweise des LOEWE-Schwerpunkts, den Bogen von der Rechtsgeschichte zu aktueller Konfliktlösungspraxis zu schlagen – das ist eine sehr wertvolle Horizonterweiterung für mich. Und es gibt noch einen Punkt: Ich schätze die deutsche Wissenschafts- und Diskussionskultur sehr. Diese Gründlichkeit und Autonomie des Denkens ist eine große Stärke.

Sie sind gerade dreißig geworden. Wie geht es für Sie weiter?
Vor kurzem habe ich einen Ruf an die juristische Fakultät der Universität Leuven erhalten. Zunächst werde ich allerdings nur einen Tag in der Woche dort lehren, denn ich möchte meinen Vertrag hier in Frankfurt unbedingt bis Ende 2014 erfüllen. Gleichwohl freue ich mich darauf, meinen Lebens- mittelpunkt wieder ganz nach Belgien zu verlegen. Bisher pendele ich an den Wochenenden zu meiner Frau nach Lüttich. So etwas ist für Wissenschaftler zwar nicht ungewöhnlich, aber es erschwert an beiden Orten die soziale Einbindung.