Die Grenzen des Möglichen neu denken

Professorin Dr. Anke Becker

Anke Becker

Frau Prof. Becker, Sie forschen am LOEWE-Zentrum für Synthetische Mikrobiologie SYNMIKRO, am Fachbereich Biologie der Philipps-Universität Marburg und leiten dort die Abteilung Chassis und Genome. Was untersuchen Sie?
Das ist für Außenstehende sicher sehr abstrakt, denn es handelt sich überwiegend um Grund-lagenforschung. Wenn man früher Mikro- organismen verstehen oder modifizieren wollte, dann hat man einzelne Gene manipuliert. Heute sind wir weiter: Wir versuchen größere Genome zu verstehen und forschen an der Frage, wie robust ist ein Genom für die Aufnahme von Verände-rungen in Form von fremden Genen und welche Technik braucht man dafür. In der Synthetischen Mikrobiologie geht die Forschung über das Eingreifen und Verändern einzelner Gene hinaus. Unsere Aufgabe ist das gezielte Design synthetischer Zellen mit maßgeschneiderten Eigenschaften. Deshalb arbeiten wir auch an der Entwicklung von Technologien für die biotechnologische Forschung.

Was fasziniert Sie an Ihrer Tätigkeit? Was treibt Sie an?
Die Neugierde ist für mich der größte Motivator. Ich will wissen, wie schafft es ein Bakterium sein Genom zuverlässig und fehlerfrei über viele Generationen hinweg weitergeben zu können? Wie ist ein Organismus in der Lage sich selbständig zu vermehren? Wenn Sie so wollen, sind das die Fragen nach den Grundlagen des Lebens.

Die Synthetische Biologie wirft grundsätzliche Fragen auf. Darf und soll künstliches Leben geschaffen werden? Was ist künstliches Leben? Wie gehen Sie bei SYNMIKRO und Sie persönlich damit um?
Neben den natur- und lebenswissenschaftlichen Arbeitsgruppen ist in das Zentrum auch eine Professur für Sozialethik integriert, die sich den Risiken und der ethischen Verantwortung widmet. Ich persönlich versuche ebenso durch Fakten zu überzeugen und die ganze Bandbreite des Arbeitsgebiets aufzufächern. Das Problem in der öffentlichen Diskussion ist oft, dass sehr wenig differenziert wird. Dadurch werden potentielle Risiken oft falsch eingeschätzt.

Hat sich die Frage Wirtschaft oder Wissenschaft jemals für Sie gestellt?
Nein, ich wollte nie in die Wirtschaft wechseln. In der universitären Forschung habe ich wesentlich mehr Freiheit einer Frage nachzugehen, die aus meiner reinen Neugierde getrieben wird. Und grundlegende Erkenntnisse mit Anwendungspotential entwickeln sich oft aus diesem Antrieb. Auch bin ich froh, in Deutschland forschen zu dürfen, denn im Vergleich zu vielen anderen europäischen Nachbarländern hat die Grundlagenforschung hier einen relativ guten Stand: Innovation braucht beides, Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung. Zudem macht mir die Lehre und die Arbeit mit den Studierenden viel Freude. Es ist schön, junge Menschen an die Forschung heranzuführen, sie zu begeistern und zu merken, wie sie immer offener werden und dadurch beginnen neue Fragen zu stellen und die Grenzen des Möglichen neu zu denken.