Forscherin im Nanobereich

Professorin Dr. Annette Andrieu-Brunsen

Frau Andrieu-Brunsen, Sie sind 2011 als Juniorprofessorin an die Technische Universität Darmstadt gekommen und forschen dort im Rahmen des LOEWE-Schwerpunkts iNAPO an intelligenten Membranen. Womit befassen Sie sich genau?
Wir beschäftigen uns mit Membranen und porösen Trennschichten sowie deren Transport-eigenschaften. Derartige Schichten sind in vielen technologischen Anwendungen von Interesse, so z. B. in der Sensorik, der Wasseraufbereitung oder Energieumwandlung – drei, für die Zukunft hoch relevante Themen. Im Kontext von Wasseraufbereitung und Sensorik werden – auf Basis der UN-Klimaresolution von 2015 – Wassermanagementkonzepte der Zukunft diskutiert. Dabei geht es vorrangig um Ressourcenschonung, auch durch die Ermöglichung von Wiederverwendung und Recycling von Wertstoffen aus Abwasser. So stellt die Verunreinigung durch metallische Nanopartikel und deren Abbauprodukten, die unter anderem beim Waschen antibakteriell beschichteter Kleidung in den Klärschlamm und damit in den Naturkreislauf gelangen, ein zunehmendes Problem dar. Mit unserer Forschung möchten wir neben anderen Zielen, auch dazu beitragen, dass diese Wertstoffe schneller erkannt und recycelt werden können, noch bevor sie mit großen Mengen Abwasser verdünnt werden. Dazu braucht es selektive Sensor- und Filtermaterialien: Hier könnten funktionale Nanoporen, die einzelne Bestandteile selektiv, zeitlich gesteuert und stabil transportieren einen wichtigen Beitrag leisten.

Wie bei den anderen LOEWE-Projekten geht es auch bei INAPO um Grundlagenforschung. Der Öffentlichkeit erschließt sich nicht immer warum sie für alle von großer Bedeutung ist. Können Sie eine Erklärung liefern?
Wie eingangs geschildert, geht es in unseren Forschungsprojekten häufig darum Nanoporen zu funktionalisieren bzw. so zu modifizieren, dass steuerbare neue Transporteigenschaften entstehen, um diese beispielsweise im Umweltschutz zu nutzen. So haben wir die letzten Jahre unserer Arbeit unter anderem damit verbracht, die Ladungsdichte in Poren über die Steuerung der Porenfüllung mit Polymeren einzustellen. Das mag detailverliebt klingen, aber es ist, um eine Vision – wie in unserem Fall die eines selektiven oder gerichteten Transports in technologischen Poren – Realität werden zu lassen, enorm wichtig sich selbst mit den allerkleinsten Puzzlestücken des jeweiligen Forschungsthemas zu befassen. Dazu gehört es auch, im Vorfeld der eigentlichen Arbeit eine Vielzahl von grundlegenden Fragen zu beantworten: Wie kann man in diesen kleinen Poren die Polymermenge steuern? Wie verhält sich die Zugänglichkeit dieser funktionalen nanometerkleinen Poren? Und wie gelingt die Charakterisierung der funktionalisierten Poren, die so klein sind, dass man oft an die Grenzen der technischen Möglichkeiten stößt? Nur, wenn all diese Fragen beantwortet wurden und wir die Zusammenhänge verstanden haben, können wir mit der rationalen und nicht zufallsgetriebenen Entwicklung von Anwendungen beginnen.

Nach Ihrer Promotion am MPI für Polymerforschung an der Johannes Gutenberg Universität-Mainz waren Sie als Post Doc für ein Jahr am CNEA in Buenos Aires in Argentinien. Was war für Sie fachlich und persönlich das Wichtigste, das Sie aus dieser Zeit mitgenommen haben?
Beruflich gesehen war die Zeit in Argentinien die Grundlage für meine Forschung zu funktionalen Nanoporen und Membranen. Mit Galo Soler-Illia und Omar Azzaroni hatte ich fachlich wie persönlich zwei herausragende Mentoren, die ich während meiner Zeit am Max- Planck-Institut in Mainz bei Prof. Wolfgang Knoll kennengelernt hatte. Sie und ihre Arbeitsgruppen haben mich mit nanoporösen Materialien in Kontakt gebracht und mich für meinen weiteren Weg in der Wissenschaft stark geprägt und unterstützt. Wir stehen noch heute in Kontakt.
Persönlich interessieren mich Sprache und Geschichte. Über beides kann man in Argentinien sehr viel lernen. Ich habe natürlich mein Spanisch verbessern können. Geschichtlich ist Argentinien ein sehr komplexes, lehrreiches Land mit spürbaren Auswirkungen bis heute und mit vielen Anknüpfungspunkten zur eigenen, deutschen Geschichte. Darüber hinaus sind persönliche Kontakte und Freundschaften entstanden, die für mich von sehr hohem Wert sind. Ein längerer Aufenthalt in einem Land führt immer auch dazu, die eigenen Vorstellungen zu reflektieren. Daran wächst man persönlich wie fachlich.

Im Alter von 29 waren Sie bereits (Junior-)Professorin im Fachbereich Chemie und unmittelbar an Ihr Promotionsstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes haben Sie zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten. Woher kommt Ihre große Begeisterung für das was Sie tun, was treibt Sie an?
Der wichtigste Antrieb sind Neugier und die Faszination, die das Thema funktionale Nanoporen auf mich ausübt. Außerdem macht mir das Steuern von Projekten und die Ausbildung von Studierenden, Doktorandinnen und Doktoranden große Freude. Projektfortschritt und persönliche Entwicklung zu sehen und begleiten zu dürfen und sich selbst dabei auch weiterzuentwickeln, das alles sind Aspekte, die mich jeden Morgen gerne ins Büro gehen lassen.

Neben Ihrem beruflichen Erfolg haben Sie in den letzten beiden Jahren zwei Kinder bekommen. Wir schreiben das Jahr 2019: Kann man sagen, dass Kinder und Beruf für (junge) Familien heute leicht zu vereinbaren sind?
Als leicht würde ich es nicht beschreiben und man muss sich leider immer noch viel zu oft erklären aber eine exzellente und verlässliche Kinderbetreuung, kurze Distanzen und sehr flexible Arbeitgeber für beide Eltern sind eine gute Voraussetzung beides gut im Alltagsleben integrieren zu können. Ich habe das eigentlich nie als Entscheidung zwischen dem Einen oder dem Anderen gesehen. Die Arbeitskultur generell, wie die Qualität und Quantität von Kinderbetreuung sind in Deutschland in der Breite gesehen sicherlich noch stark optimierungsbedürftig.