Innovative Ansätze gegen Tropenkrankheiten

Professorin Dr. Katja Becker

Katja Becker

Frau Professor Becker, wenn man Ihren Lebenslauf oder Berichte über Sie liest, wird schnell deutlich, dass Ihre Leidenschaft neben der Wissenschaft, den Menschen gehört. Woher kommt Ihre ausgeprägt humanitäre Einstellung?
Schon während meines Medizinstudiums habe ich mich für Länder des Südens und die Menschen, die dort leben, interessiert. Aufenthalte in Nigeria, Ghana und Australien haben dieses Interesse verstärkt. Tropische Infektionserkrankungen betreffen mehr als eine Milliarde Menschen – oft Kinder und die Schwächsten in einer Gesellschaft. Wenn man das in den Kliniken vor Ort einmal gesehen hat, liegt der Wunsch, etwas daran zu ändern, sehr nahe.

Dazu passt auch das seit Anfang 2018 geförderte LOEWE-Zentrum DRUID, dessen Leitung und wissenschaftliche Koordination bei Ihnen liegt und das die in Hessen vorhandenen Kapazitäten und Expertisen zur Erforschung vernachlässigter Tropenkrankheiten bündeln soll. Was sind die dringendsten Ziele, die Sie mit der interdisziplinären Arbeit im Rahmen von DRUID erreichen möchten?
Es gibt zu wenige Medikamente gegen tropische Infektionserkrankungen, oft haben diese schwere Nebenwirkungen und Resistenzbildung droht. Das wichtigste Ziel von DRUID* ist daher die Charakterisierung neuer Zielmoleküle für die Entwicklung von Wirkstoffen, Impfstoffen und Diagnostika. Damit möchten wir zu innovativen Lösungsansätzen und der Unterbrechung von Armutskreisläufen beitragen, die Aufmerksamkeit für das Thema erhöhen und durch das Weiterentwickeln von Erregermodellen für akute Herausforderungen besser gewappnet sein.

Interessant ist auch, dass Sie bei Ihrer Suche nach einem Wirkstoff gegen Malaria auf den Farbstoff Methylenblau gestoßen sind, der bereits im 19. Jahrhundert gegen die Tropenkrankheit eingesetzt wurde und dann aber in Vergessenheit geraten ist. Ist das ein Einzelfall oder wie kann es passieren, dass bereits erlangtes Wissen „verloren geht“?
Die Arbeiten an Methylenblau und Malaria wurden viele Jahre nicht weiterverfolgt, weil es dann sehr gute andere Wirkstoffe, wie bspw. Chloroquin gab, die zudem Augen und Urin der Patienten nicht (vorübergehend) blau färbten. Mit dem Auftreten von Resistenzen hat sich dies geändert. Übrigens werden zu vielen Wirkstoffen im Laufe der Jahre neue Erkenntnisse gewonnen und neue Anwendungsgebiete erschlossen. Falls z.B. ein Krebsmedikament auch gegen einen Infektionserreger wirksam ist, kann dies für unsere Arbeit im Sinne des „drug repurposing“ sehr hilfreich sein.

Seit knapp 18 Jahren forschen und lehren Sie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, DRUID ist zu Ihrer eigentlichen Arbeit dazu gekommen, was Sie nicht daran hindert sich außerdem als Vizepräsidentin der DFG oder bei der EU in Brüssel zu engagieren: Wie gelingt es Ihnen, der Vielzahl der Aufgaben gerecht zu werden ohne auf ein Privatleben zu verzichten?
Intensive wissenschaftliche Arbeit und Familie miteinander zu verbinden, ist oft eine große Herausforderung. Bei beidem geht um Zeit, um Kraft, darum innerlich und äußerlich anwesend zu sein – und um Inspiration. Und diese lässt sich alleine durch optimiertes Zeitmanagement nicht erreichen. Diese Spannung auszuhalten, zuversichtlich zu bleiben, dass auch die Familie den Belastungen standhält, ist für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schwer. Gleichzeitig ist die Bereicherung, die man durch Familie und Kinder erfährt, so unendlich groß, dass man daraus auch wieder Motivation für die Wissenschaft schöpft – gerade, wenn man an Themen arbeitet, von denen man überzeugt ist, dass sie für unsere Zukunft wichtig sind. Und so vermischen sich Privates und Arbeit zunehmend, oft kann ich zwischen Hobby und Arbeit nicht mehr unterscheiden – und dies ist gut, denn es lenkt alle Kräfte in eine Richtung. Meine Familie hat mich in meinem Wunsch wissenschaftlich zu arbeiten, immer sehr unterstützt. Gleichzeitig haben mich meine Mentoren und mein Umfeld immer darin unterstützt, auch ein Familienleben zu haben. Dafür bin ich sehr dankbar!

*(Novel Drug Targets against Poverty-related and Neglected Tropical Infectious Diseases)