Historische Quellen gegen den Strich gebürstet

Professorin Dr. Mieke Roscher

Prof. Roscher

Frau Professorin Roscher, seit Oktober letzten Jahres sind Sie Juniorprofessorin für Sozial- und Kulturgeschichte an der Uni Kassel und forschen im LOEWE-Schwerpunkt Tier – Mensch – Gesellschaft. Was interessiert Sie so an Tier-Mensch-Beziehungen?
Gerade aus historischer Perspektive ist dies ein ungeheuer spannendes Feld, denn es findet zurzeit ein Paradigmenwechsel statt: Traditionell gehen wir davon aus, dass allein der Mensch als handelndes Subjekt die Geschichte geprägt hat. Den Tieren blieb die Rolle als Objekt, sei es als domestizierte Haustiere, als Nutztiere oder zum Beispiel als mythologische Wesen. Seit Beginn dieses Jahrhunderts aber setzt sich zunehmend die Sichtweise durch, dass Menschen und Tiere sich im Sinne einer kulturellen Ko- evolution gemeinsam entwickelt haben und dass Tiere auch als Akteure der Geschichte zu betrachten sind. Das klingt zunächst vielleicht etwas absurd, wenn man sich aber näher damit befasst, sieht man sehr schnell, dass dieser Perspektivwechsel neue Fragestellungen und Erkenntnisse über menschliche Gesellschaften ermöglicht. In welchem Verhältnis steht zum Beispiel ein reales Tier zu den kollektiven Vorstellungen, die die Menschen sich davon machen – und was bedingt diese Vorstellungen? Oder was hat es zu bedeuten, dass im 19. Jahrhundert Hunde und Katzen in großer Zahl in die bürgerliche Familie geholt wurden, was zu dieser Zeit ein Novum war?

Wie spiegelt sich dieser Perspektivwechsel in Ihrer Forschung wider?
Zum einen bin ich damit befasst, Methoden zu entwickeln beziehungsweise weiterzuentwickeln – schließlich haben Tiere ja keine eigenen Zeugnisse hinterlassen und kommen in historischen Quellen kaum vor. Darin unterscheiden sie sich allerdings nur unwesentlich von Frauen oder von sozialen Schichten, die von Bildung ausgeschlossen waren – auch sie werden in historischen Quellen so gut wie nicht erwähnt. Um hier Erkenntnisse zu gewinnen, müssen wir die vorhandenen Quellen noch einmal neu lesen und bewerten: Wir müssen sie gewissermaßen gegen den Strich bürsten. Zum anderen möchte ich die Methoden an konkreten Fragestellungen überprüfen. Hier konzentriere ich mich auf die Erforschung der Tier-Mensch-Beziehungen im kolonialen Britisch-Indien am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert und in Deutschland während des Nationalsozialismus.

Nach Stationen in Bremen, London und Oldenburg ist dies Ihre erste Professur. Welche Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht?
Das Schöne an meiner Stelle ist, dass sie die Aufgaben einer Professur – ich bin sehr gerne in der Lehre tätig – mit der Forschung im LOEWE-Schwerpunkt verbindet. Tier-Mensch-Beziehungen sind in Deutschland ein recht neues Forschungsfeld, und ich finde es großartig, dass wir interdisziplinär daran arbeiten. Wann hat man als Historikerin schon mal Gelegenheit, sich intensiv mit Agrar-wissenschaftlern auszutauschen? Wir betreten damit alle gemeinsam Neuland – eine so angenehme Arbeitsatmosphäre hatte ich bisher selten.